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Körner oder Keule - Chinas Fleischkonsum und seine Folgen


Ein leicht gekürzter Artikel aus: DIE ZEIT Nr. 25 / 14. Juni 1996
(Mit Genehmigung der Autoren auf dieser Homepage wiedergegeben)
Von Andreas Fink, Sabine Rückert, Ullrich Schur und Fritz Vorholz


"Ni chifan le meiyou?" - "Haben Sie schon Reis gegessen?" Traditionell begrüßen sich bis heute Chinesen mit dieser Frage, um sich guten Tag zu wünschen. Ein Tag, an dem man Reis zu essen hatte, mußte einfach ein guter Tag sein. "Niemals hätte jemand für einen Gruß gefragt, ob du heute schon Fleisch gegessen hast", spottet die Zeitschrift Zhongguo Pengren (Chinas Gastronomie).

Diese neue Grußformel könnte bald angebracht sein. Der Speiseplan von Millionen Stadtbewohnern Chinas ändert sich rasant. Täglich zieht es Hunderttausende chinesischer Halbwüchsiger in die Hamburger-Restaurants der US-Kette McDonald's oder in die Fast-food-Imbisse von Kentucky Fried Chicken. 1990 eröffnete McDonald's den ersten Hacksteakladen in Südchinas Sonderwirtschaftszone Shenzhen. Vier Jahre später zählte die US-Kette in China fünfzehn Millionen Kunden in 27 Restaurants. Jetzt (also 1996; Anm. Gaurahari) sind es schon 74 Restaurants. Der Zeitpunkt, an dem Milliarden von Chinesen in Milliarden von Hamburger beißen ist nicht mehr fern.
Immer mehr Fleisch, Fleisch, Fleisch will der durch Chinas Reformen kaufkräftig gewordene Mittelstand auf seinem Teller sehen. Eine abrupte Abkehr von Chinas klassischer Eßphilosophie: Aus Reis oder Getreide hat die Hauptspeise zu bestehen, alles andere sind Beilagen. Ein Chinese kann sich innerlich nicht "richtig satt und wohl" fühlen, wenn er nur Fleisch ißt. Yin und Yang sind dann nicht mehr in Gleichgewicht.


In den überfüllten, wie Pilze aus dem städtischen Boden geschossenen Fleischfondue-Restaurants (nach Vorbild des Pekinger Feuertopfs) ist Selbstbedienung am Fleischtopf in Mode gekommen. Grillrestaurants mit freiem Fleischbüfett sind ebenso Renner wie Steak-Wochen in den Luxushotels. Die filigranen Stäbchen weichen scharf gezackten Steak-Messern.
30,8 Kilo Fleisch habe der Durchschnittsstädter 1994 in China konsumiert, schreibt die Pekinger Gesellschaft für Ernährungsberatung. Ein Jahr zuvor verzehrte er erst 24,5 Kilo Fleisch. Ein Bauer kam durchschnittlich nur auf 13,3 Kilo. 1995 wurden 47 Millionen Tonnen Fleisch in China produziert, vorwiegend vom Schwein. Es wird noch mehr werden. Der Verbrauchertrend gehe trotz sich verschärfender Einkommensunterschiede in der Gesellschaft zu viel mehr Fleisch und Fisch, sagt eine Prognose der Pekinger Landwirtschaftsakademie für das Jahr 2000. Die Kehrseite der Fleischeslust: Das Getreide wird knapp, 109 Millionen Tonnen Futtergetreide werde China im Jahr 2000 brauchen, mehr als ein Fünftel des geplanten Ernteertrages.
Noch wird eher Schweinefleisch und Geflügel verzehrt, aber auch Rindfleisch ist im Kommen. Mit Zuchtrindern aus Europa und Kanada will Pekings Agrarministerium die Rindfleischproduktion in Kürze um 10 Millionen Tonnen erhöhen.
Der Aufbruch von 1,2 Milliarden Chinesen ins Schlaraffenland bereitet vielen Experten Bauchweh. Sie prognostizieren, wie der Präsident des Washingtoner Worldwatch Institute, Lester Brown, eine globale Katastrophe, wenn die Menschen in den bevölkerungsreichen und ökonomisch prosperierenden Ländern demnächst ähnlich beherzt in die Fleischtöpfe greifen wie die Wohlstandsbürger in Nordamerika und in Europa.

Der Schrecken hat eine banale Ursache: Um ein Kilogramm Fleisch zu erzeugen, müssen viele Kilogramm Getreide zuvor den tierischen Darm passieren. Drei Kilogramm beim Huhn, vier Kilogramm beim Schwein und bis zu neun Kilogramm beim Rind. In vielen Entwicklungsländern ist das Verhältnis noch schlechter. Obwohl ein Teil der Nutztiere Gras oder Abfälle frißt, den Menschen also keine Nahrung streitig macht, landen schon heute 37 Prozent der weltweiten Getreideernte in den Futtertrögen von 1,3 Milliarden Rindern, 1,8 Milliarden Schafen und Ziegen, 900 Millionen Schweinen und 17 Milliarden Hühnern, Gänsen, Enten und Puten.

Es sei nur eine Frage der Zeit, warnt Brown, bis insbesondere der Appetit der vielen Chinesen auf mehr Fleisch die weltweiten Getreidelager leergefegt habe und die Produktionskapazitäten der Vereinigten Staaten und anderer getreideexportierender Länder übersteige. Die Folge: Getreide würde so teuer, daß nicht nur mancher in den reichen Ländern seinen Speiseplan ändern und abspecken muß, sondern für Millionen Arme in der Dritten Welt, sagt Brown, "könnte die Nahrungsaufnahme unter das Überlebensniveau sinken".
Browns Horrorszenario steht in der Denktradition des englischen Pastors Thomas Robert Malthus, der schon 1798 prophezeite, das Wachstum der Nahrungsmittelproduktion könne mit dem Wachstum der Menschheit nicht Schritt halten. Lange wurde solcher Pessimismus Lügen gestraft; die landwirtschaftliche Produktion wuchs schneller als die Zahl der Menschen. In Wirklichkeit jedoch, sagt Klaus Lampe, bis vor kurzem Generaldirektor des Internationalen Reis Forschungsinstituts (IRRI) in Manila, seien Malthus' Thesen "noch nie so aktuell gewesen wie heute". Nicht zuletzt wegen des steigenden Fleischkonsums. Schon 1974 hieß es in der Erklärung der Welternährungskonferenz, daß "die gegenwärtigen Konsummuster der Wohlhabenden nicht als Modell dienen" könnten.

Unter den Wissenschaftlern und Managern jedweder politischen Couleur wächst der Konsens über den Ernst der Lage. Zwar sei die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung durchaus möglich - aber wohl nur bei weitgehendem Verzicht auf Fleischverzehr und "wenn wir nur brav unsere Körnermüsli malmen", sagt der Konstanzer Verhaltensbiologe und ehemalige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Hubert Markl, der alles andere als ein Alarmist ist. Dennis Meadows, Autor des berühmten Club-of Rome-Buches über die "Grenzen des Wachstums", ist bereits zum Vegetarier geworden und versteht das als seinen ganz persönlichen Beitrag zum Überleben der Menschheit. Und Helmut Maucher, Chef des weltweit größten Nahrungsmittelkonzerns Nestle, hält alle tierische Veredelungsproduktion, vulgo Mast, wegen der damit verbundenen Kalorienverschwendung für "das schlimmste Problem".
Joachim von Braun, Professor für Ernährungswirtschaft und Ernährungspolitik, war vor seiner Berufung nach Kiel Abteilungsleiter am International Food Policy Research Institute (IFPRI) in Washington. Er ist beileibe kein Gegner des Fleischkonsums. Von Ausnahmen abgesehen, konkurriere der Anbau von Futtermitteln für den Export in Entwicklungsländer meistens nicht mit dem Anbau von Grundnahrungsmitteln für die heimische Bevölkerung. Auch sei die Fleischerzeugung in vielen Dritte-Welt-Ländern oft die einzige Einkommensquelle für landlose Bauern und Frauen - weniger Fleischnachfrage hieße für sie größere Armut. Und erst recht, sagt von Braun, gehe die simple Gleichung nicht auf, daß sinkende Fleischnachfrage hierzulande automatisch das Körnerangebot für die Armen erhöhe. Dennoch ist der Experte davon überzeugt: "Unser Konsumstil kann kein Vorbild sein."

In der Tat macht die Gegenüberstellung von Angebots- und Nachfragefaktoren auf dem Weltagrarmarkt deutlich, in welche prekäre Lage sich die Menschheit manövriert. Die Weltbevölkerung wächst um jährlich 90 Millionen. Unvermeidlich ist, daß zu den heute schon 5,8 Milliarden Erdenbewohnern binnen 25 Jahren 2,1 bis 2,4 Milliarden Menschen hinzukommen - das entspricht zweimal der Bevölkerung Chinas - und satt werden wollen. Von dieser wachsenden Menschheit wird ein immer größerer Anteil nicht nur über ein höheres Einkommen verfügen, sondern auch in Städten wohnen - und weltweit führen höheres Einkommen und Verstädterung zu erhöhtem Fleischkonsum. Laut von Braun wird er von heute 160 Millionen Tonnen auf 280 Millionen im Jahr 2020 steigen. Um die an Zahl gewachsene und vermehrt nach Fleisch verlangende Menschheit zu füttern, müßte die Weltgetreideproduktion insgesamt um rund fünfzig Prozent auf über drei Milliarden Tonnen anwachsen, und die Hälfte dieses Zuwachses wäre ausschließlich für die Futtertröge bestimmt.

Die Herausforderung ist gewaltig. Denn Ackerland ist schon heute sehr knapp. Von den rund 1,4 Milliarden Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche gehen sogar jährlich 7 Millionen Hektar durch Erosion, Versteppung, Versalzung, Industrialisierung, Urbanisierung und Straßenbau verloren. Die notwendige Ertragssteigerung muß deshalb im wesentlichen auf heute schon kultivierten Flächen erfolgen - was um so schwieriger ist, da zunehmende Wasserknappheit, möglicherweise aber auch das Ozonloch das Pflanzenwachstum sogar behindern. Von Braun sieht deshalb schwarz - es sei denn, die Politiker würden gleichzeitig sowohl auf der Angebots- wie auf der Nachfrageseite grundlegende Änderungen durchsetzen. Einerseits müßten weltweit die Landwirtschaft weiter umweltverträglich intensiviert und neue Methoden der Gentechnik konsequent eingesetzt werden. Andererseits müßte "überflüssiger und schädlicher Fleischkonsum" bekämpft werden.

Da müßte bekämpft werden, was in Mitteleuropa jahrzehntelang massiv gefördert worden ist. "Fleisch ist ein Stück Lebenskraft." Kaum ein Werbespruch hielt sich in Deutschland so lange wie der Klassiker der Fleischindustrie. Eingedenk der vitalen Botschaft, entwickelten sich die Deutschen in den siebziger und achtziger Jahren zu wahren Fleischvertilgern. Stetig wuchs der jährliche Konsum, seinen Höhepunkt erreichte er 1988 Knapp siebzig Kilo Fleisch und Wurst stopfte der Durchschnittsdeutsche in sich hinein.
Zur Freude vor allem des Lebensmittelhandels. Denn keine Branche hat einen derart großen Anteil an der Explosion des Fleischmarkts wie die Ketten. Die Supermärkte, die sich in den sechziger Jahren über ganz Deutschland ausbreiteten, hatten ein Produkt immer im Sonderangebot: Fleisch. Von Anfang an köderten sie die Massen mit Preisen, die ein Drittel unter denen der Metzgerei an der Ecke lagen.
Die Verbraucher gewöhnten sich daran, daß es den Sonntagsbraten jetzt auch montags, dienstags, mittwochs, donnerstags und freitags gab - Rewe, Edeka & Co sei Dank. Unter dem Konkurrenzdruck verfielen die Preise, und Fleisch wurde zum Billigprodukt. Für ein Kilo Rindfleisch mußte ein Durchschnittsverdiener vor dreißig Jahren noch zwei Stunden arbeiten, heute reicht eine halbe.
Immer mehr Bauern verwandelten sich zu reinen Viehmästern, riesige Wurstfabriken wurden gebaut und Schlachthöfe errichtet. Zerlegebetriebe filetierten die Tierhälften und schweißten die Stücke ein, appetitlich zurechtgemacht für die praktische Entnahme an der SB-Theke.

Die Kehrseite der Medaille offenbarte sich der entsetzten Öffentlichkeit erst Ende der achtziger Jahre: Kälbermastskandal, Bilder von Tiertransporten unter himmelschreienden Bedingungen, Schweinepest, Rinderwahn und vergiftete Hühner in Massenhaltung. Die Demokratie in den Bratentöpfen war durch gnadenlose Ausbeutung der Tiere und durch beträchtliche Gesundheitsrisiken erkauft worden.
Statt mit Lebenskraft assoziieren deshalb mehr und mehr Verbraucher das Stück Fleisch mit Ekel und Angst um die Gesundheit. Stetig sinkt der Appetit. Allerorten outen sich Prominente als Vegetarier, und sogar Bild hackt auf den Hühnerbaron Pohlmann ein....

....Durchschnittlich 170 Gramm Fleisch und Wurst täglich aß jeder Deutsche im vergangenen Jahr, zusammen gut 5 Milliarden Kilogramm. 16 Millionen Rinder und 24 Millionen Schweine stehen in deutschen Mastbetrieben, gefüttert mit Getreide, Kraftfutter und Fischmehl. Nach der Mast, die bei Jungbullen achtzehn, bei Schweinen sechs Monate dauert, kommt der Viehhändler. Achtzig Prozent der deutschen Schlachtrinder werden von Händlern zusammengekauft und dann zum Schlachthof gebracht. Geschlachtet wird nicht etwa da, wo es am nächsten, sondern dort, wo es am günstigsten ist. Zwischen den deutschen Schlachthöfen herrscht ein erbitterter Preiskrieg, denn die Kapazitäten sind nur zur Hälfte ausgelastet. Von hohen Subventionen aus Brüssel, Bonn und den Landeshauptstädten gelockt, bauten die westdeutschen Fleischkonzerne in Ostdeutschland prachtvolle Schlachtfabriken auf der grünen Wiese. Modernste Technik, beste Hygiene, voll am Bedarf vorbei. Wenn das Schlachthaus in Weimar günstiger ist als jenes in Bielefeld, dann reisen ostwestfälische Sauen erst lebend und ganz nach Thüringen, um dann halbiert in den Zerlegebetrieb nach Osnabrück zurückgebracht zu werden. Dort werden sie zerteilt, um schließlich, von Klarsicht-PVC umhüllt, wieder verschickt zu werden - womöglich auch nach Weimar. Ein Wahnsinn, der sich rechnet, auch noch nach BSE.
Die Rinderseuche ist längst nicht die nationale Katastrophe, als die sie die Fleischindustrie jetzt darstellt. Die verunsicherten Deutschen kaufen zwar vierzig Prozent weniger Rindfleisch, zu Vegetariern werden sie deshalb noch lange nicht: Jetzt greift man zu Geflügel und vor allem zum Schweinefleisch, das ebensowenig Marktanteile verloren hat wie die Wurst.
Vierzig Prozent der Deutschen, so hat die CMA, die Centrale Marketinggesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft, ermittelt, kaufen und essen weiterhin Fleisch, ohne nachzufragen Hauptsache, der Preis stimmt. Und der stimmt nach BSE ganz besonders: Ein Kilo Rinderlende für zwanzig Mark sind keine Seltenheit.
Auf der anderen Seite gibt es immer mehr besorgte Kunden, die, so CMA-Fleischlobbyist Reinhart Wege, nach gesicherter Qualität verlangen: keine Medikamente, artgerechte Tierhaltung schonende Schlachtung. Diese Leute fragen nicht so nach dem Preis - und sind deshalb auch eine Hoffnung der Fleischindustrie.
So wird in letzter Zeit auf vielen Kanälen das Hohelied auf "Qualitätsfleisch" angestimmt. Auch die CMA hat ein entsprechendes Programm gestartet: Per Prüfsiegel wird dem Kunden gelobt, daß das Schnitzel von der Geburt des Ferkels bis in die Glasvitrine ständig kontrolliert wird. Für Futter, Tierhaltung, Transport und Schlachtung sollen strikte Regeln gelten. Einziger Haken daran: Das Prüfsiegel der CMA ist längst nicht das einzige. Qualitätsstempel der unterschiedlichsten Provenienz versprechen dem verunsicherten Wurstesser alles, was sein Gewissen beruhigt. Und selbst der Qualitätsbegriff ist einigermaßen variabel.....

.....Die EU hat dem naturnah produzierenden Landwirt das Überleben seit jeher schwergemacht. In der Viehzucht wurde praktisch seit den Anfängen des Gemeinsamen Agrarmarktes im Jahre 1962 auf industrielle Massentierhaltung gesetzt. Anhaltender Preisdruck zwang die Landwirte entweder zur Aufgabe oder Expansion, Produktionsausweitung und Intensivierung. Abgesehen von den zyklischen Markt- und Preisschwankungen, drehte sich die Realpreisspirale über Jahrzehnte nach unten. Parallel dazu wurde der Aufbau immer größerer Tierfabriken durch gezielte Investitionsförderung vorangetrieben. Die Agrarplaner in Brüssel drängten dem Landwirt die Massentierhaltung regelrecht auf. Wer keinen Gülletank bauen, sondern sein Rindvieh weiterhin umweltfreundlich auf Stroh betten wollte, dem wurde zuweilen die gesamte einzelbetriebliche Förderung verweigert.
Nur zwanzig Prozent der Schweinemastbetriebe bringen heute in der EU achtzig Prozent der Fleischproduktion auf die Waage. In Deutschland liegt dieses Verhältnis sogar bei zehn zu neunzig. Etwas besser sieht es in der Rinderzucht aus, noch extremer hingegen bei Kälbern oder Hühnern. Wer sein Federvieh heute noch auf dem Hofe scharren läßt, gilt amtlich schon als alternativ. Die Natur ist auf den Kopf gestellt.
Stallungen, in denen 20 000 Schweine auf engstem Raum gebunkert werden, sind längst keine Seltenheit. Hühner oder Masthähnchen werden zu Hunderttausenden in Käfigbatterien aufgepäppelt. Eine Klimaanlage ist schon deshalb nötig, um die Aufheizung der Innentemperaturen zu verhindern. Fällt sie aus, verrecken die Tiere an der eigenen Körperwärme. Der Name Pohlmann steht für den Normalzustand. Fehlender Auslauf ist wirtschaftlich gewollt, ermöglicht er doch eine maximale Gewichtszunahme. Was früher an Bewegungsenergie "sinnlos" an der frischen Luft verpuffte, geht nun ins Kalbssteak, ins Kotelett oder die Hähnchenbrust.
Doch die natürliche Krankheitsresistenz der verkümmerten Kreaturen tendiert gegen null. Dem enormen Infektionsdruck in den industriellen Großanlagen kann nur noch durch ständige Beimischung von Antibiotika ins Futter begegnet werden. Entgegen landläufig verbreiteter Annahme ist dies vor allem in der Schweine- und Geflügelmast legale Praxis und in EU-Verordnungen im einzelnen festgelegt. Otto Normalverbraucher müßte vor dem Biß ins Eisbein oder die Putenkeule nach Risiken und Nebenwirkungen fragen. Es können sich nämlich Antibiotikaresistenzen aufbauen, die ihm im Krankheitsfall möglicherweise zum Verhängnis werden.
Voraussetzung für die Wirtschaftlichkeit der in dustriellen Massentierhaltung ist der massive Einsatz von eiweißhaltigem Kraftfutter. Welche Risiken die Verfütterung von Tierkadavermehl mit sich bringt, ist an der BSE-Krise hinreichend deutlich geworden. Allzu spät hat sich die EU dazu durchgerungen, sie zumindest bei pflanzenfressenden Wiederkäuern zu verbieten. Schweinen, Geflügel oder Fischen werden die hitzebehandelten und zermahlenen Kadaver nach wie vor reichlich verabreicht.
Auch bei den anderen Substituten handelt es sich überwiegend um billige Abfallprodukte. Vor allem Cornglutenfeed made in USA verdrängt das herkömmliche Getreide aus dem Futtertrog und macht bei Rindern die traditionelle Weidemast zum Verlustgeschäft.
Die bewußt forcierte Industrialisierung der Tiermast führte seit den sechziger Jahren zu einem massiven Anstieg der Fleischproduktion in Europa. Zu Beginn der neunziger Jahre türmten sich immer höhere Rindfleischberge auf, die aufgekauft und eingefroren wurden. Die aus der Brüsseler Gemeinschaftskasse bezahlte, zunächst unbegrenzte Intervention in die Märkte war die eigentliche Ursache für die enorme Produktionsausweitung. Ihren Höhepunkt erreichte diese Entwicklung 1992, als in den Kühlhäusern der EU rund 1,1 Millionen Tonnen Rinderhälften lagerten. Mit hohen Exporterstattungen wurde in Europa unverkäufliches Fleisch zudem künstlich verbilligt auf dem Weltmarkt verschleudert. Die Gemeinschaft exportierte 19921,2 Millionen Tonnen Rind- und 580000 Tonnen Schweinefleisch, was den europäischen Steuerzahler umgerechnet rund 2,3 Milliarden beziehungsweise 350 Millionen Mark kostete. Selbst afrikanische Entwicklungsländer wurden mit künstlich verbilligtem Fleisch aus Europa bedacht, was die örtlichen Märkte an den Rand des Ruins brachte.

Um Rindfleisch-Schwemme und Kostenexplosion Einhalt zu gebieten, wurde die Intervention im Zuge der Agrarreform von 1992 begrenzt und eine stufenweise Senkung der subventionierten Erzeugerpreise um fünfzehn Prozent beschlossen. Der Abbau der Preisstützung und deren Ersatz durch direkte Einkommenszuschüsse an die Bauern ist Kern der Reform. Auf Druck der USA und der anderen überseeischen Fleischexporteure müssen auch die horrenden Ausfuhrerstattungen nach dem neuen Abkommen der Welthandelsorganisation WTO schrittweise zurückgefahren werden.
Bis 1994 wurden die Kühlhäuser durch Sonderexporte praktisch leergeräumt. Die künstlich verbilligten Ausfuhren gingen von da an zunächst auf 1,1 Millionen Tonnen zurück. Rinderbestand und Fleischproduktion zeigten schon ab 1993 rückläufige Tendenz. Es wurden allerdings immer mehr Schweine gemästet. Um dem Preisverfall entgegenzusteuern, gingen Sonderexporte nach Rußland. Die subventionierten Ausfuhren stiegen 1994 auf 700 000 Tonnen.
Die alarmierende Nachricht von der möglichen Übertragbarkeit des Rinderwahnsinns auf den Menschen hat den Markt im Frühjahr 1996 geschockt. Der Rindfleischabsatz brach im April in fast allen EU-Staaten drastisch ein und erholt sich seither nur langsam. Zuverlässige Gesamtzahlen liegen noch nicht vor, doch mußte die EU binnen zweier Monate wieder 100 000 Tonnen aufkaufen und einlagern........

......."Rechnet es sich denn?" wird Andreas Brandt, Ökomanager auf Wulksfelde, immer wieder gefragt. Und er fragt zurück: "Rechnet es sich denn, die chemisch gestützte Landwirtschaft zu finanzieren und dann noch gleichzeitig den Naturschutz, der ihre Folgen wieder beseitigen soll? Rechnen sich die Kosten der Sanierung, der Regeneration von Wasser, Boden und Luft?" Da die Leistungen des in die Landwirtschaft integrierten Naturschutzes (Brachflächen, Biotope, Bodenschutz) nicht finanziell bewertet werden, fließen sie auch nicht in die Bilanzen der ökologischen Betriebe ein und verzerren so die Kosten.
Nur zwei bis drei Prozent der deutschen Bauernhöfe produzieren nach ökologischen Bedingungen. Es wird staatlich kontrolliert, ob sie die EU-Verordnungen zum ökologischen Landbau einhalten. Zusätzlich prüft die Biogesellschaft, deren Warenzeichen auf den Artikeln klebt, regelmäßig die Integrität der ökologischen Produktion. Zwei Jahre dauert die Umstellung zum Ökohof, seit ein paar Jahren subventioniert die EU diesen Prozeß fünf Jahre lang, dann muß er gelungen sein.
Professor Arnim Bechmann, Landwirtschaftsökonom der Technischen Universität Berlin und Leiter des Instituts für ökologische Zukunftsperspektiven in Barsinghausen, hat in den vergangenen Jahren mit Hilfe von Computerszenarien immer wieder durchgerechnet, was eine Gesamtumstellung der deutschen Landwirtschaft auf ökologische Produktion bedeuten würde. Daß sie kommen muß und kommen wird, ist für ihn selbstverständlich. "Wir werden die Perspektive, die wir uns vormachen, keine zwanzig Jahre halten können", sagt er, "wir laufen auf Negativprognosen. Ich glaube nicht an die Stabilität dieser Gesellschaft."
Die Umstellung würde, nach Bechmann, etwa dreißig Jahre dauern. Haupttriebfeder soll eine Umverteilung von Subventionen sein. 1993 gab Deutschland dreizehn Milliarden Mark für "unsinnige" Subventionen aus, die das unrentable Agrarsystem halten sollen. Bechmann hat errechnet: Würde man die gleiche Summe in die Subventionierung der ökologischen Landwirtschaft stecken, könnte diese zu den gleichen Preisen produzieren wie die konventionelle. Daß der Steuerzahler überdies weit weniger für Umweltmaßnahmen berappen müßte und das Krankenkassenmitglied durch gesündere Lebensweise ein geringerer Kostenfaktor wäre, spielt in diesen Berechnungen noch gar keine Rolle. Sehr viel weniger Fleisch müßte auch gar nicht gegessen werden, so Bechmann, es käme zu einem vorübergehenden Engpaß, aber letztendlich nicht zu einem "Fleischloch". Fleisch würde nicht mehr exportiert, sondern im Lande verbraucht. Der ökologische Landbau funktioniert regional.
Auch was den Arbeitsmarkt angeht, ist Bechmann zuversichtlich. Bestimmte Branchen, die von der herrschenden Landwirtschaftspolitik profitieren, träfe es natürlich: Für die Lagerhaltung bräuchte man keine Arbeiter mehr, ebensowenig für die Verwaltung, den Transport und die Vernichtung von Überschüssen. Aber letztendlich wäre auch das nur ein Umverteilungsproblem, denn im ökologischen Landbau rechnet man mit zwanzig Prozent mehr stabilen Arbeitsplätzen.
Daß der ökologische Landbau, der doch die Zukunft bedeutet, in Deutschland immer noch als Aussteigerlandwirtschaft gilt, bedauert Bechmann stark. "Es gibt keine Lehrstühle und keine Forschung." Die konventionelle Landwirtschaft dagegen sei hoch erforscht. Dieser Zustand sei ein Spiegel gesellschaftlichen Wissens. Erst wenn die Öffentlichkeit, bestehend aus Konsumenten und Wählern, der Skandale und der Umweltschweinereien müde, auf Ökoprodukte dränge und diese Produktionsweise ein Thema der öffentlichen Debatte sei, würden Forschung und Politik reagieren.
Doch reagiert werden müsse, und zwar schnell. Europa und Amerika brauchten ein völlig neues Verständnis von Natur und Leben. "Diese Kontinente dominieren die Welt ideenmäßig", sagt Bechmann, "die anderen ziehen nach. Gute Ideen - und ökologischer Landbau ist ein Fortschritt - setzen sich weltweit durch."
Bechmanns Hoffnung wird nicht von allen Experten geteilt. Der ökologische Landbau ist ein
Wohlstandskonzept. Der Kieler Agrarökonom Joachim von Braun sieht den Kern des Problems in der ungleichen Verteilung des Reichtums auf der Welt....

Mitarbeit: Jürgen Krönig und Johnny Erling