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Das verlorene Menschenbild

Von Walther Eidlitz

Noch vor wenigen Jahrhunderten gab es im Abendland ein einheitliches Menschenbild, zusammengewoben aus Judentum und Christentum, Altem und Neuem Testament und griechischer Dichtung und Philosophie.
"Nichts ist gewaltiger als der Mensch", lässt Sophokles den Chor in der Antigone rufen.
Der Mensch ist die Krone der Schöpfung. Alle Geschöpfe sind ihm untertan. "Fast machtest du ihn zu einem Gotteswesen", singt der Psalmdichter.
Die Kirche verkündet: Der Mensch wurde einmal zum Ebenbild Gottes geschaffen. Er hat vom Baume der Erkenntnis gegessen, er hat gesündigt und ist gestürzt. Doch Gott hat sich in Gnade seiner erbarmt und hat seinen eingeborenen Sohn gesandt. Er hat sich geopfert, damit diejenigen, die an ihn glauben, die Hoffnung haben dürfen auf ein Auferstehen des Leibes in der Ewigkeit und ein Leben mit ihm.
Das Menschenbild der Vergangenheit ist dahingeschwunden. Es gibt kein einheitliches Menschenbild mehr in unserer sogenannten Kultur. Der eine sagt: der Mensch ist gut, der andere sagt: der Mensch ist böse. Der Mensch ist nicht besser als das Tier, er ist schlimmer. Er kann Kräfte entfesseln, die ihn und den ganzen Erdball zerstören können, was kein Tier vermag.
Das scheinbar einheitliche Menschenbild vergangener Zeiten hat sich wie in Rauch aufgelöst. Statt seiner sieht man die grauenvollen Auswirkungen menschlichen Tuns. Die Atombomben über Japan waren nur der Beginn einer sich steigernden Entwicklung. Jede Zeitung bringt neue Einzelheiten menschlicher Bestialität.
Der um sich greifenden Verwirrung und immer grösseren Unsicherheit über das Wesen des Menschen, dem Hin- und Herschwanken zwischen Beschönigung und vollkommener Verzweiflung entspricht eine nicht minder grosse Unsicherheit über die Ziele des menschlichen Lebens.
In erbittertem Werben um die Menschenmassen kämpfen die verschiedenartigsten Idealvorstellungen miteinander. Was hier als höchste Tugend angepriesen wird, gilt dort als Übel. Was hier Furcht einflösst, soll dort den Grund der Sicherheit, der Wohlfahrt und des Friedens bilden.
"The American Way of Life", ein Lebensstil, der noch vor wenigen Jahrzehnten auch in Europa als in die Zukunft weisend erlebt wurde und das Bestehen der abendländischen Kultur und Demokratie verbürgen sollte, ist in die Brüche gegangen. "God's own country" hat sich als ein Reich des Hasses und der Furcht erwiesen. Unter dem Vorwand, die Demokratie auf Erden zu verteidigen, hat die Weltmacht USA, wie wir nun wissen, planmässig Taten vollbracht, die nur mit dem Geschehen im Hitlerreich vergleichbar sind.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hat man in Europa vielfach geglaubt, dass aus dem grossen Land im Westen etwas Heilvolles kommen werde und dass man mit den auf dem Schwarzmarkt ergatterten Nylonstrümpfen nicht bloss eine neuartige Ware erhandelt habe; man hat auch geglaubt, dass der auf sich selbst gestellte Mensch, wenn nur die richtigen wirtschaftlichen Bedingungen vorhanden sind, der Schmied seines eigenen Glücks werden könne.
Ähnlich schien die Sowjetmacht in den Augen vieler in die Zukunft zu weisen, selbst wenn die entbehrungsreiche Gegenwart hart und blutig war. Die Doktrin lautete hier, dass mit der Revolution und der Herrschaft des Proletariats ein neuer Menschentypus geboren wird, der sich so grundsätzlich von der alten Menschenart unterscheidet wie der neue Adam der christlichen Vorstellungswelt vom alten Adam. Früher war der Mensch versklavt, und jetzt ist er im Begriff, als Streiter im Klassenkampf ein Diener des arbeitenden Volkes zu werden. Man glaubte auch, der zukünftige Sowjetmensch werde in einem erdumspannenden Reich des Friedens leben. Kriminalität und Armut würden überwunden und alles Unrecht getilgt sein.
Auch hier ist eine weitgehende Ernüchterung nicht ausgeblieben; ebenso wie auf der ganzen Welt bei vielen Menschen die Hoffnung geschwunden ist, dass der auf sich selbst gestellte amerikanische "Selfmademan" die Zukunft sei.
Nachdem "der freie Westen" wie der Sowjetstaat als Vorbilder zweifelhaft geworden sind, haben immer mehr Menschen, leidvoll enttäuscht, alle Hoffnung verloren oder im neuen, kommunistischen China die Zukunft gesehen. In dieser dritten Weltmacht, wo der Mensch gewissermassen wichtiger als die Maschine ist, lebt die Hoffnung auf eine dauernde Revolution, die nicht in einer gigantischen Parteibürokratie erstarren soll. Der gemarterte und ausgesogene Bauer bekommt seine Menschenwürde zurück, indem er nicht mehr für einen Herrn front. Sein ganzes Leben und seine Arbeit erhalten einen tieferen Sinn, weil auch er ein Glied der immer fortschreitenden Revolution geworden ist.
Obwohl der Maoismus zuweilen stolz betont, dass seine Staatsform keineswegs auf andere weniger hoch entwickelte Völker übertragen werden könne, übt er indessen durch seine blosse Existenz und trotz der oben angedeuteten inneren Schwierigkeiten eine weltweite Anziehungskraft aus auf so verschiedene Gruppen, wie z. B. die idealistischen Studenten im Abendland und auf die hungernden Menschenmassen Asiens, Afrikas und Amerikas, die sich gegen die ungerechte Verteilung der irdischen Güter empören und es nicht länger ertragen wollen, von Tag zu Tag um ihr blosses Dasein bangen zu müssen.
Zu den von den traditionellen grossen Religionen geprägten Vorstellungen vom Sinn und Ziel des menschlichen Lebens sind in unserer Zeit also gleichsam neue Religionen hinzugetreten, die im Ringen um die Seelen den Vorteil haben, Befreiung von der drückenden äusseren und inneren Not verheissen zu können, eine Erlösung im Diesseits und nicht erst in einer anderen Welt nach dem Tod.
Von der Propaganda der Weltmächte hin und her gerissen, steht der suchende Mensch. Ihm bleibt wenig Wahl. Wohin er blickt: Streit. Selbst die Mission betreibenden Religionen sind zerspalten und unterhöhlt, von den zersetzenden Kräften der Welt ergriffen.
Die Wohlfahrtsstaaten im Norden, die in ärmeren Ländern vielfach als Vorbild angesehen werden, haben gezeigt, dass auch bei völliger Beseitigung des Hungers noch keineswegs Glück und Frieden und eine neue Kultur entstehen. Die eigene Lieblosigkeit und die der Mitmenschen, die Einsamkeit, das Erschrecken über die Sinnlosigkeit des Lebens, die Angst vor Krankheit, Alter und Tod werden durch höheren Lebensstandard nicht geheilt. Obwohl vom Sterben zu sprechen bei vielen von uns unschicklich geworden ist und man die Tatsache des Todes soweit als möglich zu überschminken versucht, ist die geheime Todesfurcht stärker als jemals. Auch bei Ärzten und Priestern herrscht Ratlosigkeit und Furcht vor dem einzig Gewissen. Unsere Angst ist nicht geringer als zur Zeit Homers und der Weisheit Salomonis, wo der Fromme klagt:
"Und es geht dem Menschen wie dem Vieh, wie das Vieh, so stirbt er auch... Wer weiss, ob der Geist des Viehs abwärts fahre und der des Menschen aufwärts."
Selbst die Lieblinge der Götter entgehen dieser Angst nur selten. Der Arzt Dr. Vogel, der Zeuge der letzten Tage Goethes war, berichtet über das Sterben des Dichters, dass ihn die Nähe des Todes mit dem Grauen des Endes überfallen hatte. Seine dämonische Sicherheit schlug in das tragische Entsetzen vor dem Nicht-mehr-Sein um. "Fürchterliche Angst und Unruhe trieben den Greis bald ins Bett, bald auf den Lehnstuhl. Der Schmerz, der sich mehr und mehr auf der Brust festsetzte, presste dem Gealterten bald Stöhnen bald lautes Geschrei aus. Die Gesichtszüge waren verzerrt, die Augen tief in ihre fahlen Höhlen gesunken, matt und trübe. Der Blick drückte die grässlichste Todesangst aus."
Auch wenn der Mensch nunmehr, den technischen Träumen des alternden Faust weit überlegen, in den Weltraum fährt und seinen Fuss auf den leblosen Boden des Mondes zu setzen vermag, hat sich in seinem Bewusstsein nur wenig verändert. Trotz der Erkenntnisse neuzeitlicher Tiefenpsychologie und Astrophysik und trotz der Errungenschaften der Sozialwissenschaften, die uns lehren, wie der Mensch im Kollektiv handelt, weiss er, über Sinn und Ziel seines Lebens und sein eigenes wahres Wesen befragt, kaum eine Antwort zu geben. Hilflos wiederholt er in dieser Lage zumeist konventionelle Redensarten, die nicht aus seinem Innersten stammen.
Das Rätsel des Todes ist noch immer nicht gelöst, weder in den kapitalistischen noch in den sozialistischen Ländern.
Einer der gläubigsten Menschen und ehrlichsten Denker unserer Zeit, Simone Weil, schrieb kurz vor ihrem eigenen Tode auf den Schlussseiten ihrer letzten Arbeit: "Was auch im Himmel die geheimnisvolle Bedeutung des Todes sein mag, auf Erden ist es die Verwandlung eines Wesens aus zuckendem Fleisch und denkendem Geist, eines Wesens, das begehrt und hasst, hofft und fürchtet, will und nicht will, in einen kleinen Haufen reglosen Stoff."
(Die Einwurzelung, S. 434)
Simone Weil hat schon in den dreissiger und vierziger Jahren eine Geisteshaltung vorweggenommen, die heute bei vielen jungen Menschen selbstverständlich geworden ist. Dazu gehört auch, dass ihr Gesichtskreis nicht auf die traditionelle Kultur des Mittelmeerbeckens beschränkt blieb, sondern dass sie mit dem gleichen Ernst und der Freimütigkeit und Empfänglichkeit, mit der sie an das Christentum herantrat, sich auch von entfernteren Traditionen inspirieren liess.
Ich glaube, es ist im Sinn dieser gläubig ungläubigen Mystikerin, welche wie wenig andere die äussere und innere Not der grossen arbeitenden Menschenmassen, der Verdammten aller Länder und Zeiten, erkannt hatte, wenn wir heute den Versuch machen, den Themenkreis - Was ist der Mensch, was sind seine Ziele - auf Erden und aus einer Ewigkeitsperspektive gesehen - im Lichte der altindischen Offenbarung zu betrachten. Ein solcher Versuch bedeutet keine Mission, kein Bekehrenwollen, und soll nicht der Erbauung dienen. Es handelt sich ganz einfach darum, darzustellen, wie diese zentralen Fragen, die uns alle berühren, wenn wir am Sterbebett eines geliebten Menschen stehen, im Sinne der indischen Offenbarung beantwortet werden.
Ob man an diese Offenbarung glaubt oder nicht, ein wenig Kenntnis des Menschenbildes, das sich aus diesen Urkunden der Hindus ergibt, ist heute, da Völker und Ideologien sich in ganz anderer Weise als noch vor einer Generation kämpfend und sich ergänzend begegnen, eine Voraussetzung, um unsere eigene Lage zu erkennen.

Quelle: Der Sinn des Lebens; 1974